Warum bringt uns ein einziger Duft in einer Sekunde zurück in die Kindheit?
Du öffnest den Schrank und riechst Lavendel. In einer Sekunde bist du nicht mehr in deinem Zuhause. Du bist woanders, vielleicht bei Oma, zwischen ordentlich gefalteter Bettwäsche und kleinen Säckchen mit getrocknetem Lavendel.
Oder jemand schält eine Orange, und du erinnerst dich ohne Vorwarnung an einen Wintermorgen, an Schulferien oder an einen Tisch, an dem seit Jahren niemand mehr sitzt.
Du hast diese Erinnerung nicht bewusst hervorgeholt. Der Duft hat es getan, bevor du es konntest.
Ein Duft fragt nicht, ob er hereinkommen darf
Ein Foto musst du ansehen. Ein Lied musst du hören. Ein Duft ist oft schon da, bevor du ihn überhaupt benennen kannst.
Wenn wir einatmen, gelangen Duftmoleküle zu den Rezeptoren in der Nase. Das Signal wandert dann zum Riechkolben, dem Teil des Gehirns, der Gerüche verarbeitet, und von dort sehr schnell in die Bereiche, die mit Gefühlen und Gedächtnis verbunden sind. Dazu gehören die Amygdala und der Hippocampus.
Deshalb bringt ein Duft manchmal nicht nur die Information „Das ist Lavendel“ oder „Jemand kocht Kaffee“. Mit ihm kommt das ganze Paket. Ein Bild, ein Gefühl, ein Raum, eine Person, sogar die Stimmung, in der wir damals waren.
Anders als bei den meisten anderen Sinneseindrücken läuft die erste Verarbeitung von Gerüchen nicht zuerst über die übliche Schaltstelle im Gehirn, den Thalamus. Der Weg zu den Zentren für Gefühle und Gedächtnis ist kürzer und direkter.
Einfach gesagt: Die Nase hat eine Abkürzung in die Vergangenheit.
Ein Proust-Moment kann jedem passieren
Dieses Phänomen hat sogar einen Namen: Proust-Effekt.
Benannt ist er nach dem französischen Schriftsteller Marcel Proust. In seinem Roman löst der Geschmack einer in Tee getunkten Madeleine eine ganze Kette längst vergangener Erinnerungen aus. Obwohl in dieser Szene der Geschmack eine Rolle spielt, kommt ein Großteil dessen, was wir als Aroma von Speisen erleben, in Wirklichkeit über den Geruchssinn.
Aber du brauchst kein französisches Gebäck.
Es reicht der Geruch von gemähtem Gras, von nassem Asphalt nach einem Sommerregen, von der Creme, die Mama benutzt hat, von Ofenrauch oder von der Seife aus dem alten Badezimmer. Ein Atemzug, und plötzlich weißt du, wie ein Ort aussah, an den du jahrelang nicht gedacht hast.
Solche Erinnerungen sind oft keine ordentlichen Geschichten. Manchmal kannst du nicht einmal sagen, wo du warst oder wie alt du warst. Du spürst nur eine vertraute Wärme oder ein Unbehagen. Als hätte sich der Körper vor den Worten erinnert.
Warum führen uns Düfte so oft ausgerechnet in die Kindheit zurück?
Eine Übersicht der Forschung zu duftausgelösten Erinnerungen zeigt, dass diese häufiger als Erinnerungen, die durch Worte oder Bilder angestoßen werden, aus einer früheren Lebensphase stammen. Sie häufen sich besonders im ersten Lebensjahrzehnt.
Die Kindheit ist voller erster Begegnungen. Zum ersten Mal erkennen wir den Geruch des Zuhauses, eines Menschen, von Essen, vom Garten, vom Meer oder von der Schule. Das Gehirn speichert den Duft dann nicht als eigenes Etikett. Es verknüpft ihn mit dem, was in diesem Moment geschah.
Deshalb bedeutet Lavendel für den einen Ruhe und frische Bettwäsche, für den anderen heißen Sommer und Ernte. Für den einen bedeutet Orangenduft Weihnachten, für den anderen einen Morgen, an dem er den Bus verpasst hat, weil der Saft auf seinem T-Shirt gelandet ist.
Derselbe Duft. Eine völlig andere Geschichte.
Dufterinnerungen können stärker sein als ein Foto
Die in der Fachübersicht von Rachel Herz beschriebenen Studien zeigen, dass Menschen autobiografische Erinnerungen, die durch Düfte ausgelöst werden, oft als emotionaler und lebendiger erleben als Erinnerungen, die durch Worte oder Bilder angestoßen werden. Man erinnert sich nicht nur an das Ereignis, sondern hat stärker das Gefühl, an den ursprünglichen Ort und in den ursprünglichen Moment zurückgekehrt zu sein.
Darin liegt wahrscheinlich auch der Grund, warum wir alte Fotos gern anschauen, uns ein einziger unerwarteter Duft aber völlig entwaffnen kann.
Ein Foto sagt: „Das ist passiert.“
Ein Duft sagt: „So war es, dort zu sein.“
Nicht alle Dufterinnerungen sind angenehm
Wir reden gern vom Duft von Omas Kuchen und vom Sommer am Meer, aber die Nase bewahrt nicht nur die schönen Dinge. Der Geruch eines Krankenhauses, eines bestimmten Parfüms oder eines Raums, in dem etwas Schweres passiert ist, kann ebenfalls Unbehagen zurückbringen. Die Cleveland Clinic weist darauf hin, dass Gerüche auch unangenehme oder schmerzhafte Erinnerungen auslösen können, besonders wenn sie mit starken Gefühlen verbunden waren.
Deshalb ist es nicht seltsam, wenn dich ein Duft abstößt, obwohl ihn alle um dich herum mögen. Vielleicht liegt das Problem gar nicht am Duft. Vielleicht liegt es an der Geschichte, die dein Gehirn dazu abgespeichert hat.
Können wir neue Dufterinnerungen schaffen?
Wir können neue Verbindungen zwischen Düften und Momenten schaffen. Das passiert ohnehin ein Leben lang, meistens ohne Plan.
Der Duft von Kaffee kann zum Zeichen für morgendliche Ruhe werden. Eine bestimmte Seife kann dich an die erste eigene Wohnung erinnern. Der Duft der Creme, die du abends benutzt, kann sich mit den stillen fünf Minuten nach einem Tag verbinden, an dem alle etwas von dir wollten.
Du musst daraus kein besonderes Ritual machen. Es reicht, hin und wieder innezuhalten und wirklich zu riechen, was vor dir liegt.
Wir bei Mala od Lavande leben ständig von Düften umgeben. Lavendel, Orange, Bergamotte, Zitronengras und Immortelle gehören zu unserer Arbeit, aber mit der Zeit werden sie auch zu einem kleinen privaten Archiv unserer Tage. Ein Duft erinnert ans Kochen, einer ans Abfüllen, einer an ein Paket, das wir spät am Abend gepackt haben.
Vielleicht wählen Menschen deshalb so oft wieder genau denselben Duft. Es muss nicht nur daran liegen, dass er gut riecht. Vielleicht haben sie inzwischen etwas Eigenes darin abgelegt.
Welcher Duft bewahrt deine Geschichte?
Wenn du jetzt eine Erinnerung nur mit einem Duft öffnen könntest, welcher Duft wäre das?
Lavendel aus dem Schrank? Frisch gebackenes Brot? Sonnencreme? Feuchte Erde? Orangenschale? Das Parfüm eines Menschen, den du lange nicht gesehen hast?
Die Antwort sagt wahrscheinlich weniger über den Duft selbst und mehr über dich.